Sprachsensibel Prüfen – Tipps und Tricks

Autorin: Gaby Sikorski

Allgemeines zum Thema Sprachsensibilität – Begriffsklärung und Bedeutung

Hinter dem durchaus spröden Begriff der Sprachsensibilität, auch „Sprachbewusstheit“ oder „language awareness“ genannt, verbirgt sich ein ganzer Komplex von Herausforderungen und unterschiedlichen Lösungsansätzen, die in Schule, Ausbildung und Beruf – und damit natürlich auch im Prüfungswesen – in den letzten Jahren immer mehr an Aktualität gewinnen und in den Fokus rücken. Im Bereich der Pädagogik wurde der Begriff schon Anfang der 2000er-Jahre verankert und fand auf diese Weise Eingang in den Schulunterricht und in Lehrwerke.

Leitendes Ziel ist, dass die Lehrkräfte nicht nur im Deutschunterricht, sondern in sämtlichen Fächern und Lernfeldern die sprachlichen Fähigkeiten und Grenzen der Schülerinnen und Schüler berücksichtigen, dementsprechend reagieren und Fortschritte einleiten können. Dabei steht erst einmal das Textverständnis im Vordergrund. Denn nur wenn eine Aufgabe komplett verstanden wird, kann sie sinnvoll gelöst werden. Im schlimmsten Fall können Schüler*innen trotz sehr guter Fachkenntnisse eine Aufgabe nicht bearbeiten, weil sie die Aufgabenstellung nur teilweise oder gar nicht verstehen. Das gilt selbstverständlich auch für die Abschlussprüfungen, denn geprüft wird in aller Regel die berufliche Handlungsfähigkeit, nicht die Sprachkompetenz. Besonders die mündliche Prüfung stellt die Teilnehmer*innen dabei vor große Herausforderungen: Sie sind häufig nervös, ängstlich und unsicher, sodass auch Menschen, die Deutsch als Muttersprache gelernt haben, Verständnisprobleme bekommen können. Dies verstärkt sich noch, wenn sie Prüfenden gegenüberstehen, die vielleicht aufgrund von Konzentrationsschwierigkeiten oder Ermüdungserscheinungen nach mehreren Prüfungen kaum noch in der Lage sind, ihr eigenes Vorgehen zu reflektieren. Manche Prüfer*innen merken gar nicht, dass sie Fragen stellen, die so unverständlich sind, dass sie nicht einmal von den übrigen Mitgliedern der Prüfungskommission beantwortet werden könnten.

Aber wie lässt sich sprachsensibel prüfen und welche Faktoren gehören dazu? Was können Prüfer*innen selbst leisten, damit sämtliche Prüfungsteilnehmer*innen die Gelegenheit bekommen, ihre berufliche Handlungsfähigkeit unter Beweis zu stellen? Die folgenden praxisbezogenen Tipps bieten einen kleinen Einblick in das Thema und sollen weniger einen Leitfaden darstellen, sondern vor allem als Inspiration wirken.

Sprachsensibel prüfen – Tipps für die Umsetzung in der Praxis

Für die Prüfungspraxis gibt es im Wesentlichen drei Aspekte, über die das eigene Sprachverhalten kontrolliert und ggf. korrigiert werden kann:

1. Der generelle Umgang mit der zu prüfenden Person

Für viele Prüfer*innen werden die folgenden Tipps vermutlich selbstverständlich sein. Dennoch sind gelegentlich in Prüfungen, auch bei geübten Prüfenden, Verhaltensmuster zu erkennen, die weder angemessen noch zeitgemäß sind, wie z. B. herablassende Bemerkungen zum Erscheinungsbild oder zur Kleidung, Kommentare zum Namen („Das kann ja keiner aussprechen!“) oder zum Prüfungsthema („Oje, schon wieder! Das hatten wir heute schon drei Mal …“). Wohlgemerkt: Hier geht es nicht um einzelne Bemerkungen von Prüfenden, denen versehentlich ein falsches Wort über die Lippen kommt, sondern es geht um die prinzipielle Haltung den Prüfungsteilnehmer*innen gegenüber. Es sollte stets von Respekt sowie von Empathie gegenüber der Prüfungssituation geprägt sein. Hier als kurze Zusammenfassung:

  1. Tipp: Fasse Dich kurz.
  2. Tipp: Sei freundlich, aber versuche nicht, witzig zu sein.
  3. Tipp: Unterlasse jede Bemerkung über Äußerlichkeiten, Namen, Herkunft/Nationalität, Sprachkenntnisse, Geschlechtszugehörigkeit usw.
  4. Tipp: Achte auf Deine nonverbale Kommunikation (Gestik, Mimik).
  5. Tipp: Halte Dich generell mit Zwischenbemerkungen zurück.
  6. Tipp: Vermeide Beurteilungsfehler durch stetige Reflexion Deiner Einstellung gegenüber der zu prüfenden Person.

2. Die klare und eindeutige Formulierung von Fragen und Aufgaben

Die meisten Prüfer*innen sind extrem versiert im Umgang mit der deutschen Sprache und zu Recht stolz darauf. Doch gerade daraus ergeben sich manchmal Verständnisprobleme. Wer in der Lage ist, druckreife Schachtelsätze zu formulieren, so wie diesen hier, der nur als kleines, diskretes Beispiel dafür fungieren soll, wie anstrengend es sein kann, in längeren Sätzen den roten Faden zu behalten, wird in der Regel dafür bei Prüfungsteilnehmer*innen eher auf Unverständnis als auf Beifall stoßen. Vielleicht wird den Berufsschullehrkräften in den Prüfungskommissionen deshalb oft die Befragung der Prüflinge überlassen, weil sie im Gegensatz zu Arbeitgeber*innenvertreter*innen und Arbeitnehmer*innenvertreter*innen sehr viel Übung darin haben, klare und verständliche Fragen und Aufgaben zu formulieren.

Wie also lassen sich Fragen und Aufgaben sprachsensibel formulieren? Dafür gibt es ein paar Grundregeln, die schnell und einfach umsetzbar sind (und die im Übrigen auch für viele andere Bereiche des Lebens nützlich sein können!).

– in kurzen Sätzen sprechen (max. 15 Wörter)

– Satzstruktur: Subjekt – Prädikat – Objekt (einfache Satzkonstruktionen)

– vereinfachte Grammatik (keine/wenig Nebensätze, den Satz nicht mit dem Nebensatz beginnen, also „Wir können dann beginnen, wenn Sie alles vorbereitet haben“, statt: „Wenn Sie alles vorbereitet haben, können wir beginnen.“

– nur eine Anweisung bzw. Frage pro Satz!

– möglichst keine Verneinungen/Negationen

– offene bzw. W-Fragen stellen

In der deutschen Sprache gibt es durch die Beugung der Tätigkeitswörter (Verbkonjugation) mit ihren vielfältigen Möglichkeiten, Feinheiten und Besonderheiten noch ein paar weitere Regeln. Hier sind sie:

– Operatoren verwenden! (siehe weiterführende Links)

– möglichst keine Partizipien verwenden: „Das Kind lacht und tanzt“ statt „Das lachende Kind tanzt.“

– Aktiv statt Passiv verwenden: „Der Arzt verschreibt Tabletten“ statt „Die Tabletten werden vom Arzt verschrieben.“

– Perfekt statt Präteritum verwenden: „Ich habe gelesen“ statt „Ich las“.

Die vorgenannten Regeln gelten übrigens – in abgewandelter Form – auch für die Erstellung von schriftlichen Prüfungsaufgaben sowie, entsprechend angepasst, in weiteren Bereichen, z. B. in Kundengesprächen oder für das journalistische und literarische Schreiben.

3. Eine positive Sprache verwenden

In den letzten Jahrzehnten hat sich die Kommunikation weiterentwickelt. Im Zentrum steht inzwischen das Individuum. Dienstleistungsunternehmen, Hotellerie und Gastronomie, aber auch die Medienbranche fungieren hier als Wegbereiter. Dabei hat sich – u. a. mit dem Ziel einer effizienteren Information – die Blickrichtung geändert: Die Person, die eine Nachricht erhält, ist wichtig, nicht mehr der Absender. Üblich sind also Formulierungen wie z. B. „Sie erhalten den Artikel innerhalb von zwei Tagen“, statt „Wir schicken Ihnen den Artikel innerhalb von zwei Tagen.“ Auch in Bezug auf die Ausdrucksweise insgesamt hat sich einiges geändert. So werden vorzugsweise positive Formulierungen verwendet. Statt „Kein Problem!“ (negativ) heißt es jetzt häufig „Sehr gern!“ (positiv), statt „Nicht schlecht“, sagt man z. B. „Das gefällt mir.“

Ein weiterer Aspekt ist der bewusste Umgang mit Floskeln und Redewendungen, zu denen auch die „Killerphrasen“ gehören, die sich noch immer einer gewissen Beliebtheit erfreuen.

Killerphrasen vermeiden
Killerphrasen, auch Totschlagargument, Relevanzfehlschluss oder (im erweiterten Sinne) Whataboutism genannt, gehören zu den floskelhaften Formulierungen. Dabei handelt es sich um Scheinargumente, die dem Gegenüber vor allem eines mitteilen: Ein Gespräch bzw. eine Diskussion ist unerwünscht. Beispiele dafür sind: „Dafür haben wir keine Zeit!“, „Das geht nicht!“, „Das kannst du sowieso nicht!“, „Zu modern!“, „Zu altmodisch!“ und „Das haben wir schon immer so gemacht“, bzw. „Das haben wir noch nie so gemacht.“ Solche Formulierungen gilt es zu vermeiden, da sie beim Gegenüber negative Folgen haben und die Kommunikation dadurch gestört statt gefördert wird.

Mit etwas Übung lassen sich Killerphrasen nicht nur vermeiden, sondern sie können, ebenso wie negative Formulierungen und selbstverständlich nur dann, wenn es angemessen ist, in positive Äußerungen verwandelt werden, also z. B. „Frau Meier ist um 15:30 Uhr wieder im Büro“, statt „Frau Meier ist nicht da.“ Dabei hilft es, wie so oft, wenn man sich in die Situation des Gegenübers versetzt und sich z. B. fragt: Welche Äußerung bringt mich weiter? Welche Äußerung hat für mich einen Nutzwert? Wohlgemerkt: Es geht nicht darum, generell negative Formulierungen zu vermeiden, sondern es geht um den bewussten Umgang damit.

Zur Unterstützung einer effizienten Prüfungsatmosphäre kann man zusätzlich sogenannte „Gesprächsförderer“ einsetzen. Dazu gehören der Blickkontakt, das Ausredenlassen, eine angemessene Lautstärke, eine generell ruhige Sprache, eine klare Aussprache und – siehe oben – die direkte Ansprache: „Sie“ statt „ich“ oder „wir“.

Der zu prüfenden Person gegenüber kann man außerdem Wertschätzung zeigen durch folgende Punkte: Auftreten, Wortwahl, Konzentration auf das Gegenüber, Verständnis für die Prüfungssituation und durch inklusive Sprache, zu der auch das Gendern gehört. Leider wird die Diskussion über eine sensible Sprachgestaltung häufig auf das Gendern beschränkt. Das greift deutlich zu kurz.

Es folgen ein paar Tipps für die Prüfung, die über sprachsensible Äußerungen hinausgehen und allgemein die Stimmung im Prüfungsraum verbessern können, und zwar sowohl bei den Prüflingen als auch in der Prüfungskommission.

Wie sollte man sich als Prüfer*in verhalten?

Unbedingt!

– professionelles, freundliches Auftreten

– den Ablauf erklären

– aufmerksam sein, den zu Prüfenden beobachten

– angemessene Sprache (möglichst keine Umgangssprache)

– angemessene Wortwahl für das Prüfungsergebnis

Bloß nicht!

– im Vorhinein Prognosen abgeben
„Mit etwas Glück können Sie das heute vielleicht schaffen!“

– ein Geheimnis aus dem Ergebnis machen
„Was meinen Sie denn: Welche Note bekommen Sie von uns?“
oder
„Wie schätzen Sie Ihre Leistung selbst ein?“

– witzig sein wollen
„Jetzt setzen Sie sich erstmal hin, Sie werden es nötig haben.“

Zum Abschluss noch ein paar generelle Tipps für den sprachsensiblen Prüfungsalltag

– gute Vorbereitung: Immer ein paar Fragen und Aufgaben in petto haben!

– Feedback von den Kolleg*innen einholen: Waren meine Fragen eindeutig/klar?

– Selbstreflexion: Was war gut? Was könnte besser laufen?

– Absprachen in der Kommission treffen: Wer fängt an?

– ruhig, freundlich und effizient (= lösungsorientiert) sprechen und agieren

– Sei nett zu dir und deinem Prüfungsausschuss: Plant längere Pausen ein!

Weiterführende Links: 

Allgemeines Sprachwissen / Sprache im Beruf
www.duden.de
www.wirtschaftsdeutsch.de (kostenlose Arbeitsblätter zu vielen Themen, mit Lösungen)
www.dw.com (viele kostenlose Angebote für Lehrende und Lernende, auch Bildungssprache)
www.schubert-verlag.de (viele kostenlose Arbeitsblätter)
www.mein-deutschbuch.de (viele kostenlose Arbeitsblätter, auch zu Grammatikthemen)
www.lehrerfortbildung-bw.de/u_gewi/gwg/gym/bp2004/fb1/modul1/geo/operator (Liste möglicher Operatoren)

Europäischer Referenzrahmen
www.europaeischer-referenzrahmen.de

Sprachsensibilität in der Erwachsenenbildung
www.isb.bayern.de/download/19309/sprachfoerderung_sprachsensibilisierung.pdf
www.ihk-zpa.de/opencms/pages/pruefungen/Methoden/Aufgabentypen.html
www.stiftung-mercator.de/content/uploads/2020/12/buch_sprachsensibles-unterrichten-foerdern.pdf

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